Buchstäblich und sprichwörtlich im Schweiße unseres Angesichts haben wir sechs Stunden lang fast nonstop im Stuttgarter Sommerwetter geschuftet. Wir – diesmal ein erweiterter Kreis von 25 Personen: Thinktank-Kernteam, dazu einige Lehrkräfte und Schüler:innen als Gäste, nochmals verstärkt durch Dr. Patrick Albus, Psychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Lehr-Lernforschung der Uni Ulm. Thema unseres KI-Thinktanks war diesmal der KI-Einsatz in der Oberstufe, der gerade im Kontext von Facharbeiten oder anderen schriftlichen Aufgaben fast durchgängig große Aufmerksamkeit erfährt – wenn auch etwas einseitig im Schlaglicht der Fragen des Schummelns, Plagiierens, Zitierens (und evtl. Verbietens).
Das Ergebnis unserer Arbeit in einem Satz zusammengefasst: Den Weg zu beschreiben ist wichtiger, als das Ziel zu fotografieren. In diesem Sinn: der Reihe nach. Welchen Weg haben wir eingeschlagen, um uns den in der Folge umrissenen Ergebnissen der 3. Thinktank-Klausur am 10. Juli 2024 anzunähern …
(Und bevor Sie weiterlesen: Intensive Arbeit mit substantiellen Ergebnissen führt zu langen Texten! Aber die ca. zwanzigminütige Lektüre ist die Zeit wert, die Sie da jetzt investieren werden. Versprochen!)
Eine stärken- und problemorientierte Arbeitsweise
Schritt 1. Unser Thinktank lebt von dem, was alle darin einbringen. Gerade durch die Kombination diversen Wissens und heterogener Expertisen und Sichtweisen entsteht Neues und wächst das Verständnis. Die Vorstellrunde zu Beginn war daher mit der Frage verbunden: ICH und das BESTE zum Thema des Tages. Mit dem „Besten“ waren sowohl Quellen als auch Erfahrungen und Ratschläge gemeint.
Schritt 2. Dann wurde gesammelt. Entlang der Leitfrage „Was ist das Problem, für das unser Ergebnis heute die Lösung sein wird?“ haben wir an die 80 einzelne Probleme fein säuberlich auf Post-its notiert und im Anschluss zu sechs Problemclustern gebündelt.

Schritt 3. Arbeitsgruppen. Je nach Lust, Laune und Berufung haben wir uns im Anschluss den sechs Themenbündeln gewidmet, um diese dann abschließend …

Schritt 4. … einander vorzustellen, zu diskutieren, zu komplettieren. Wer an den „Rohergebnissen“ interessiert ist: Die gibt’s hier im Detail nachzulesen: https://t1p.de/forum-3
Schritt 5. Last, but not least, am Tag danach haben wir dem Thinktank-Forum als Resonanzgruppe das Erarbeitete vorgestellt und festgestellt, dass wir mit den Ergebnissen sehr zufrieden sein können.
Stichwort Ergebnisse: Was genau haben wir also erarbeitet?
Das Beste zum Thema des Tages: Quellen und Horizonte
Schon in der ersten Runde zeigte sich: Dem Thema KI wird man nur gerecht, wenn man auch Zeit dafür investiert. Und das hatten alle Teilnehmer:innen des Tages reichlich auch schon im Vorfeld unseres Treffens getan. Welcher Horizont sich in Schritt 1 unseres Vorgehens gezeigt hat, vor dem wir dann die spätere Arbeit geleistet haben, das sollen hier ein paar Statements der Teilnehmenden aufzeigen:
- KI kann „lügen“ – und wir haben es also mit einem eminent ethischen Thema zu tun.
- Nach dem vierten Plagiatsfall haben wir an unserer Schule verstanden: Wir müssen etwas unternehmen – aber zusammen und nicht gegeneinander.
- Die Kurzprosa von ChatGPT war echt nicht gut … eher: schlecht …
- Im Vorfeld gründlich und gut eingeführt war das Arbeiten mit KI ok.
- Ich nütze für meine Unterrichtsvorbereitung gerne KI – aber es ist ein Tool und nicht die Lösung: VERSTEHEN ist mehr!
- KI kann aktivierend und reflexionsfördernd sein.
- Mit Abschlussarbeiten gibt es zum Teil die größten Probleme; es ist wichtig zu lernen KI zu nutzen, um damit sauber weiterarbeiten zu können.
- Ist KI ein Tabu-Thema? Na klar haben die Schüler:innen Erfahrung damit und natürlich nützen sie KI. Also reden wir darüber!
- Die Erfahrungen mit KI sind gemischt. Je komplizierter das Thema wird, desto weniger hat KI dabei „zu sagen“.
- Die Korrektur von Programmcode funktioniert mit KI sehr gut.
- KI bitte nicht verteufeln … und es kommt auf die Frage der Fairness an: Wer kann sich KI leisten? Wie können alle Zugang bekommen?
Vielleicht hast du da, wo KI dir helfen kann, gar kein Problem?
Zusätzlich seien hier noch drei Quellen – stellvertretend für die Fülle, die der Thinktank schon zusammengetragen hat – explizit hervorgehoben:
- Das Multimedia Kontor Hamburg hat eine empfehlenswerte Linksammlung auf ihrer Themenseite zu KI in der Hochschullehre kuratiert.
- Im Schweizer HEP-Verlag ist kürzlich ein eigenes Buch zum Thema KI bei schriftlichen Arbeiten clever nutzen erschienen: Es macht Klick.
- Und das Thema des verantwortlichen Einsatzes von ChatGPT verdeutlicht die folgende Grafik einfach und unmissverständlich:

Vom Problem zur Lösung: Mit sechs Themenfeldern zur KI-Strategie
Eine halbe Stunde später und um ca. 80 Post-its reicher war dann die Frage zu klären: Auf wie wenig Themenblöcke können wir diese Fülle reduzieren? Eines hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon klar herausgestellt: Das Tagesthema – KI-Einsatz in der Oberstufe – ist nicht auf eine Handreichung zum Thema Zitat und Plagiat zu reduzieren. Nach einigen Überlegungen – schließlich hängt ja alles mit allem zusammen: aber was kann man als Querschnittsmaterie guten Gewissens „mitmeinen“, und was muss explizit in die erste Ebene gehoben werden, damit nicht Wesentliches verloren geht? – haben wir uns dann entschlossen, mit den folgenden sechs Themenfeldern (siehe Grafik im Anschluss) in die Arbeitsgruppen zu gehen. Eine Entscheidung, die sich im Laufe der Zeit als richtig herausstellen sollte …

Auch wenn in der Folge mit dem Thema auf der Grafik ganz oben, dem Erwerb von KI-Kompetenzen, der Anfang gemacht wird: Die kreisförmige Anordnung der sechs Aspekte in der Grafik soll andeuten, dass alle sechs Themenfelder gleich wichtig sind. In einer Aufzählung muss man halt irgendwo anfangen, auch wenn bewusst auf eine Nummerierung verzichtet wird …
Alle erwerben KI-Kompetenzen – Lehrkräfte und Schüler:innen
Für die Arbeitsgruppe ist klar, dass sich dem Thema KI niemand entziehen kann – weder Lehrkraft noch Schüler:in. Hier sind alle gleichermaßen Lernende, was auch gleich einmal zur Idee führte, diese gemeinsame Lernpflicht bewusst als gemeinsame Lernchance bzw. –gelegenheit zu verstehen und zu nützen. Vielleicht im Rahmen von Oberstufen-Fortbildungen, die gemeinsam von Lehrer:innen wie Schüler:innen vorbereitet und besucht werden? Darüber hinaus bieten sich natürlich eine Fülle weiterer Formate an:
- Für Lehrkräfte: Fortbildungen; pädagogische Tage; Austausch-Formate zu Erfahrungen im Unterricht …
- Für Schüler:innen: „KI-Führerscheine“; spezifische Unterrichtseinheiten; systematische (und gut eingeführte bzw. vorbereitete) Anwendung in allen Unterrichtsfächern; spezifisches Methodentraining (zB speziell für Facharbeiten) oder ganze „KI-Tage“.
Im Bewusstsein, dass diese Kompetenzfelder natürlich noch auszudifferenzieren sind, hat die Gruppe auch einen ersten Anlauf in Richtung KI-Kompetenzen genommen, und dabei die folgenden vier definiert:
- Ich verstehe die Grundlagen von KI.
(Was ist KI? Wie funktioniert KI?) - Ich bin in der Lage, die Möglichkeiten und Grenzen von KI zu erkennen.
(Zur Verbesserung des Schulalltags) - Ich verstehe die ethischen und die gesellschaftlichen Auswirkungen von KI.
(Bewertung von Daten, und Ergebnissen; Gesellschaft, Recht, Demokratie, Arbeitswelt) - Ich kann KI-Tools anwenden.
(Im Schulalltag)
Thematisiert müsse KI bereits in der Grundschule werden – mit besonderer Aufmerksamkeit hinsichtlich altersrelevanter Aspekte, wozu auch altersrelevante Gefahren gehören! Und es gilt in diesem Bereich der schnell voranschreitenden Entwicklungen jedenfalls: Dran bleiben! Weiterlernen! Nach dem Lernen ist vor dem Lernen.
Unterstützungspotenziale von KI erschließen
Inklusion also: Als Querschnittsthema betrachten und „mitmeinen“? Oder als eigenes Thema hervorheben? Hervorheben lautete die Entscheidung – und der Verlauf der Überlegungen hat diese unseres Erachtens mehr als gerechtfertigt.
Die Gruppe, die an diesem Themencluster arbeitete, hat sich vorab für folgende, durchaus breite Definition von Inklusion entschieden (siehe dazu auch die folgende Quelle):
Inklusion ist ein Prozess, bei dem alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten, Bedürfnissen oder sozialen Hintergründen gemeinsam in einer Schulumgebung lernen. Dieses Verständnis geht über den Fokus auf Behinderung hinaus.
Im Zuge der weiteren Überlegungen wurden zwei große Bereiche unterschieden:
- Allgemeine und Individualisierungsaspekte
- Prüfungsrelevante Aspekte
Zu den allgemeinen sowie Individualisierungsaspekten gehören …
- der Abbau von Bildungsbarrieren (zB bei Schüler:innen aus bildungsfernen Familien) durch Coaching und Feedback durch KI);
- Inklusions- und Rehabilitationsbedarfe, insbesondere bei folgenden Förderschwerpunkten: Sehen (KI, die Bilder beschreibt); Hören (Voice-to-Text; Gebärdenavatare); Verstehen (Erklärungen in einfacher Sprache); Sprechen (Text-to-Voice – Voice-to-Text; Rechtschreibkorrektur und Textverbesserung, sinnzusammenhängendes Schreiben – zB für den Förderschwerpunkt Lernen, bei Leserechtschreibschwächen (LRS), Autismus oder bei „einfachen“ körperlichen Handycaps wie einer Lähmung oder einem gebrochenen Arm);
- Sprachbarrieren (zB im Falle anderer Bildungssprachen als Deutsch durch: Übersetzung, Textverbesserung; Hilfe beim Verständnis von fachlichen Angaben; Vokabellernen);
- adaptive Lernprogramme;
- Unterstützung im Überwinden von Lernstrategiebarrieren (durch KI als Lerncoach; Unterstützung bei der Zeit- und Themeneinteilung);
- Hilfe gegen Motivationsbarrieren (Starthilfe mit niedriger Barriere und erleichterter Einstieg: „Erklär mir: Was gehört zu …?“; „Entwickle mir spannende Aufgaben zu …“; „Frag‘ mich zu folgenden Themen ab …“; Schreibhemmung);
- Arbeitserleichterung und Zeitersparnis (Zusammenfassungen, Strukturierungen, Überarbeitungen von Texten und Inhalten, um diese für Menschen mit Inklusionsbedarf anzupassen).
Hinsichtlich prüfungsrelevanter Aspekte wurde herausgearbeitet:
- Es wäre zu überlegen (und ggf. dafür zu lobbyieren), KI als Nachteilsausgleich (NTA) zu erlauben – bislang ist das nicht der Fall. Aber man sollte über KI durchaus in den Kategorien von „Brillen“ bzw. „Taschenrechnern“ denken, die ja auch erlaubt sind …
- Weiters stellt sich – u.a. auch im Kontext von KI – die Frage des Lebensweltbezugs von Prüfungen.
- Bei Facharbeiten bzw. gleichwertigen Feststellungen von Schülerleistungen (GFS) bietet sich ein breites Spektrum an Aspekten an: NTA bei GFS in Falle von – beispielsweise – starkem Stottern durch Text-to-Voice oder einem Video anstatt einer Präsentation; KI als Brainstorming-Tool oder für die strukturelle und sprachliche Überarbeitung im Falle von Sprachbarrieren – natürlich mit entsprechender Dokumentation des Prozesses sowie dessen Reflexion; KI als „Sparringpartner“ bei der inhaltlichen Verbesserung oder als Hilfestellung für die Prüfungsvorbereitung.
- Last, but not least, bietet KI die grundsätzliche Möglichkeit zur Entwicklung urheberrechtsfreier Bilder und Grafiken.
Die letzten Punkte machen den Zusammenhang mit anderen Themenclustern deutlich, aber – wie gesagt – uns schien es mehr als gerechtfertigt, dem Inklusions- und Unterstützungsaspekt von KI gebührende und eigenständige Aufmerksamkeit zu widmen. Nicht zuletzt, weil – und das ist nun ein Aha-Moment, das alle mitgenommen haben – nicht alle, die sich in akademischen Fertigkeiten üben, im weiteren Verlauf ihres Lebens akademische Karrieren anstreben; KI gibt aber Chancen mit auf den Weg, besser voran und weiter zu kommen, als das ohne diese Hilfe möglich wäre.
Last, but not least: Im Zusammenhang mit KI muss – einmal mehr – dem Thema Sprache gebührend Aufmerksamkeit geschenkt werden: Lesefähigkeit. Die Kompetenz, Fragen zu stellen und insbesondere Diskurs- und Kritikfähigkeit, die letztlich gerade auch mündlich ihr bevorzugtes Element finden. Im Themencluster Reflexion und Prozessdokumentation wird davon nochmals ausführlich die Rede sein …
Regeln im Umgang mit KI entwickeln
Wie bereits erwähnt haben wir in einer heterogenen Runde gemeinsam mit Schüler:innen gearbeitet. Und das hat, wie erhofft, auch Perspektiven zum Vorschein gebracht, die sonst vielleicht weniger bewusst gewesen wären. Regeln im Umgang mit KI bedeuten jedenfalls mehr als richtig zitieren und nicht schummeln. Da wäre also anzumerken:
- Transparenz: Wichtig wären gemeinsame Vorstellungen des Kollegiums, wie mit KI umgegangen wird, auf die sich Schüler:innen dann auch verlassen können. In diesem Zusammenhang wäre beispielsweise die Einführung der Folgenden „Stufenleiter“ des KI-Einsatzes möglich, die Lehrkräften Optionen an die Hand gibt, die sie im Rahmen ihres Unterrichts dann jeweils vorgeben bzw. anstreben könnten. Beschlossene Regeln müssen einheitlich sowohl an Lehrkräfte als auch an Schüler:innen vermittelt werden.

- Verlässliche Einführung in die Nutzung von KI: Solche Bildungsvorgänge sollten für alle in der Schule gut vorbereitet durchgeführt werden. Zu einer solchen Einführung gehört auch die Vermittlung von Kenntnissen zur Adaptation und Kontextualisierung von KI (was wiederum direkt ins Thema der KI-Kompetenzen führt).
- KI-Verwendung für Lehren, Lernen, schriftliche Arbeiten etc.: Hier ist man letztlich bei den konkreten und praktischen Fragen des alltäglichen Einsatzes von KI angelangt: Wie und wofür kann KI zur Recherche außerhalb des Unterrichts verwendet werden? Gibt es Zugang zu „eingeschränkten“ KIs, die keine vollständigen Lösungen erbringen, aber hilfreiche Unterstützung für den Lernprozess bieten? Welche Inhalte und Medien darf ich von einer KI erstellen lassen – und wie werden die gekennzeichnet? Welche Art von KI darf verwendet werden? Und wie bzw. von wem kann diese Verwendung ggf. adaptiert/eingeschränkt werden? Wie wird KI zitiert? Wie wird die Überarbeitung von KI-generierten Inhalten gekennzeichnet? (Gut zu wissen, dass diese Diskussion auch auf universitärem Boden eine laufende und keineswegs entschiedene ist!) Wie wird mit Fragen des Urheberrechts umgegangen? Auch die Frage des KI-Zugangs für alle ist hier zu betonen!
- Letztlich Regelverstöße und Täuschungsversuche: Wie wird damit umgegangen?
Dieser erste Wurf eines möglichen regulatorischen Rahmens zeigt einerseits, dass hier sicherlich noch Leerstellen zu füllen und Details zu entwickeln sind (das erfordert ohnedies auch die laufende Entwicklung im Feld); andererseits macht er auch deutlich, dass es unverzichtbar ist, dass sich jede Schule für sich im Zusammenhang mit KI ihres Verhaltens bewusst werden und KI in ihre Schulkultur inkludieren muss. Hier hilft kein copy-paste der Ergebnisse anderer (diese können bestenfalls inspirieren und orientieren):
Nur selber denken macht (KI-)schlau!
Die Haltung, gemeinsam lebensbegleitend Lernende zu sein, kann durch die Auseinandersetzung mit KI elementare Impulse bekommen. Haltung kann man aber eben nicht „herunterladen“, sondern muss kontinuierlich durch (gemeinsame) Reflexion und Auseinandersetzung eingeübt werden.
Prüfungsformate adaptieren
Bill Clinton wurde mit dem Slogan „It’s the economy, stupid.“ 1992 Präsident. Was Schulentwicklung betrifft, könnte einem die Variante „It’s the examination, stupid.“ einfallen. Alles Gerede von 21st century skills, Fehlerkultur etc. wird Makulatur, wenn die Prüfungsformate (allen voran das Abitur) sich nicht entsprechend ändern. Denn die normative Kraft der faktischen Prüfungen trumpft im Endeffekt alles.
Möglicherweise … nein: Höchstwahrscheinlich sind Prüfungsformate und deren Adaptation der Schlüssel zur Weiterentwicklung – auch in Sachen KI. Und aus diesem Grund haben wir den (sic!) Schlüsselsatz unseres letzten Treffens auch aus Überschrift dieser Dokumentation gewählt:
Den Weg zu beschreiben ist wichtiger, als das Ziel zu fotografieren.
Dieser Fokus auf Prozessbeschreibung wird schulrechtlich nochmals gestützt durch die Vorgabe des KM, dass Leistungen nur bei zweifelsfreiem Nachweis von ungerechtfertigtem KI-Einsatz aberkannt werden dürfen. Dieser Nachweis ist de facto nicht zu erbringen. Also: Besser auf anderes konzentrieren!
Natürlich darf KI im Prozess des Lernens und auf dem Weg zur Leistungserbringung – entsprechend der vereinbarten Regeln, selbstverständlich – definitiv zum Einsatz kommen. Auch das Stichwort „Fehlerkultur“ macht die vermehrte Konzentration auf „formatives Assessment“ wünschenswert. Um eine entsprechende Kultur Schritt für Schritt zu etablieren, empfiehlt es sich, hiermit in den Fächern ohne Klassenarbeiten zu starten. Das Lernen wird dann also mehr und mehr entlang von Kriterien, mit einem Fokus auf bessere Aufgabenstellungen (Lebensweltbezug!), auf neue Methoden (SCRUM) oder gleichwertige Feststellungen von Schülerleistungen (GFS) erfolgen. Eine entsprechende Befreiung vom Notendruck wäre eine schöne Begleiterscheinung.
Aufgrund der Relevanz des Themas hat sich unmittelbar nach dem Thinktank bereits eine kleine Arbeitsgruppe in dieser Sache (noch vor und während der Ferien) an die Arbeit gemacht. Und selbstverständlich werden wir uns hier auch mit Akteuren wie dem Institut für zeitgemäße Prüfungskultur und deren Community in Verbindung setzen bzw. an deren Arbeit orientieren! Ziel: Eine Liste alternativer Prüfungsformate inklusive allgemeingültiger bzw. anpassbarer Kritieren sowie ein Prozessdokumentationsbogen für Schüler:innen und Lehrkräfte – evtl. nach Klassenstufen differenziert.
Reflexion und Prozessdokumentation realisieren
Wie im obigen Themencluster ausgeführt, muss die Sache der Lernprozesse fixer Bestandteil von Prüfungen werden. Nun ist aber nicht jeder Lernprozess schon mit einer Prüfung verbunden. Und jeder Leitfaden zum Thema KI, der etwas auf sich hält, beginnt mit dem Hinweis auf Reflexions- und Urteilsfähigkeit. Insofern ist der Thematik Reflexion und Prozessdokumentation (im Bewusstsein aller Zusammenhänge und Redundanzen) ein eigener Bereich gewidmet.
Meilensteine und Wegweiser auf diesem Weg sind beispielsweise die folgenden:
- Selbstreflektiertes Lernen, Reflexionsfähigkeit und metakognitive Kompetenzen müssen laufend als Ziele bedacht, kommuniziert und konkret verfolgt werden.
- Anhand von Lehrplanbeispielen kann die KI-Nutzung schrittweise erklärt und gleichzeitig fachlich reflektiert werden.
- Es braucht jedenfalls gemeinsames, sicheres Vorwissen über Grundlagen und Wissensstrukturen auf einer mittleren Ebene, da sonst KI-Ergebnisse nicht bewertet und eingeordnet werden können.
- Und natürlich stellt KI-Einsatz auch Ansprüche auf der Medienkompetenz-Ebene.

Die folgenden Fragen machen deutlich, was einerseits mit Prozess- und andererseits mit Reflexionsdokumentation konkret gemeint ist – wir verdanken sie, wie die Grafik oben, Dr. Patrick Albus von der Uni Ulm.
Reflexionsdokumentation:
- Was war mein Ziel?
- Habe ich das Ziel erreicht?
- Was hat gut funktioniert, was weniger?
- Welche Aufgabe hatte die KI, welche ich?
- War die Zusammenarbeit mit der KI effizient? Und effektiv?
- Welche Kompetenzen habe ich gebraucht/genutzt, um mit der KI zu arbeiten?
- Was habe ich dazugelernt? Über den Inhalt? Über die KI? Über mich?
- Was würde ich beim nächsten Mal (anders) machen?
Prozessdokumentation:
- Welche Tools habe ich benutzt? In welcher Reihenfolge?
- Welche Prompts habe ich gegeben?
- Welche Informationen habe ich der KI zur Verfügung gestellt?
- Wie habe ich die Prompts verbessert?
- Wie habe ich den Output (weiter)verarbeitet?
- Habe ich andere Quellen hinzugezogen?
Abschließend: Der Weg zur Reflexionskompetenz der Schüler:innen führt über die Reflexionskompetenz der Lehrkräfte. In dem Maße sich Lehrkräfte in ihren Vorbereitungen und Analysen auf neue Wege begeben, werden ihnen die Schüler:innen in der Regel „automatisch“ nachfolgen.
Haltung, Ethik, Gesellschaft: Ein KI-Leitbild schreiben
KI fordert Schule auf allen Ebenen heraus. Und die Schule ist hier keine Insel, sondern Teil der Gesellschaft, zu der sie sich auch verhalten muss – typischerweise in einem Leitbild.
Eine Arbeitsgruppe aus dem Mörike-Gymnasium (teilweise in der Formulierung unterstützt durch Überarbeitungen von ChatGPT – in kursiven Absätzen deutlich gemacht) hat uns dankenswerterweise gleich ein konkretes Textbeispiel geliefert, wie ein solches Leitbild aussehen und was es enthalten könnte.

KI-basierte Apps sind in unserer Schule ein zugelassenes Hilfsmittel, weil wir die Präsenz von KI in unserer Lebenswelt anerkennen und den Kompetenzen im Umgang mit KI als wichtig erachten für Abgänger:innen, um in der heutigen bzw. zukünftigen akademischen und Arbeitswelt erfolgreich zu sein.
Die richtige Nutzung erlernen die Schüler:innen im Laufe ihrer Schullaufbahn. Richtig bedeutet für uns, dass ein reflektierter Umgang mit KI Tools vermittelt wird. Wir wissen, dass die KI nur ein Hilfsmittel beim Erstellen von Ergebnissen ist; das Denken muss von uns selbst übernommen werden. Zum einen erfordern dies die immer noch in Frage zu stellenden Ergebnisse von KI-Tools, zum anderen die in der Schulzeit bei jungen Menschen immer noch laufend stattfindende "Hirnentwicklung" (...). Wir lernen mit der KI, nicht die KI für uns.
Darüber hinaus ist es uns ein Anliegen, dass Schüler:innen lernen, die Grenzen und Möglichkeiten von KI zu erkennen. Dies beinhaltet sowohl das Verständnis technischer Aspekte als auch die Fähigkeit, die Ergebnisse kritisch zu bewerten und gegebenenfalls alternative Lösungen zu suchen. Durch Projekte, in denen KI-Tools eingesetzt werden, fördern wir ein praxisnahes Lernen, das die Schüler:innen auf zukünftige berufliche Anforderungen vorbereitet.
Auch im Unterricht selbst wird der Einsatz von KI kontinuierlich reflektiert und diskutiert. In verschiedenen Fächern werden die Schüler:innen ermutigt, eigene Projekte zu entwickeln, in denen KI eine Rolle spielt, und diese im Klassenverband vorzustellen. So lernen sie nicht nur die Anwendung von KI, sondern auch, ihre Ergebnisse zu präsentieren und zu verteidigen.
Die Integration von KI in den Schulalltag trägt dazu bei, dass unsere Schüler:innen nicht nur passiv Wissen aufnehmen, sondern aktiv an ihrer Bildung und Zukunftsgestaltung teilnehmen. Durch den bewussten Einsatz und die kritische Auseinandersetzung mit KI schaffen wir eine Lernumgebung, die Innovation und Eigenständigkeit fördert. (kursiv - Überarbeitung durch ChatGPT)
Ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Bildung ist die Förderung der Kreativität im Umgang mit KI, aber auch ohne sie. Unsere Schüler:innen werden ermutigt (aber nie gezwungen), KI als Werkzeug zur Umsetzung ihrer eigenen kreativen Ideen zu nutzen. Ob es sich um die Entwicklung innovativer Lösungen für alltägliche Probleme, das Erstellen von Kunstwerken oder die Gestaltung neuer Technologien handelt – die Möglichkeiten sind grenzenlos und werden durch die KI-Anwendungen erweitert. Durch kreative Projekte lernen die Schüler:innen nicht nur technische Fertigkeiten, sondern auch, wie sie ihre Fantasie und Innovationskraft in die Realität umsetzen können. Andererseits ist die analoge Arbeit mit „der Hand“ ebenso weiterhin wichtig und wird bewusst durchgeführt.
Unsere Lehrkräfte sind kompetente KI-Nutzer:innen, erkennen ihre zentralen Bedeutung an und bilden sich stetig fort.
Dennoch wird es in der Schule auch viele weitere Ziele geben, die ohne KI ablaufen (müssen und dürfen!).
# Persönlichkeitsentwicklung, die in der Schule weiterhin zentral ist, findet nur bei reflektierter Eigenleistung statt - Feedback beinhaltet immer auch eine persönliche Dimension - dazu müssen persönliche Beziehungen aufgebaut werden, und dessen sind wir uns bewusst.
# Eine moralische Entwicklung der jungen Menschen kann außerdem nicht von einer KI übernommen werden, hier wird persönliches kritisches Denken weiterhin zentral gelernt und weiterentwickelt. Auch KI Ergebnisse müssen angesichts ihrer moralisch-ethischen Dimension hinterfragt werden.
# Eine Chancengleichheit für alle Schüler:innen wird garantiert, indem alle Zugriff auf eine geeignete KI-App haben. Wir unterstützen auch im Hardware-Bereich, damit die Arbeit in der Schule und zu Hause gleichermaßen möglich ist.
# Unseren Eltern ist unsere Haltung zum Thema KI bekannt, sie fühlen sich gut informiert und einbezogen in relevante Entscheidungen.
Der folgende Hinweis darf auch hier nicht fehlen: Lebendige Leitbilder, die nicht in Schubladen verstauben, brauchen die lebhafte Auseinandersetzung möglichst aller Stakeholder einer Schule mit den darin vorfindlichen wesentlichen Leitgedanken. In diesem Sinn ist das obige Beispiel keine copy/paste-Vorlage, sondern soll die jeweils schulspezifischen, eigenen Gedanken dazu inspirieren.
Ein paar weiterführende Gedanken
An diesem Punkt der Überlegungen angekommen, hat es sich bewährt, sich folgende Frage zu stellen:
Was fehlt?
Jedes Ergebnis ist gleichzeitig auch immer „nur“ ein Zwischenergebnis auf dem weiteren Denk- und Entwicklungsweg. Für uns als KI-Thinktank haben sich ja schon bisher einige Fragen gestellt, die sich durch die Arbeit an diesem Thema nicht erübrigt haben. Gleichzeitig zeitigt jeder neue Denkprozess ein paar neue wesentliche Gedanken. Und in diesem Sinn soll dieser Beitrag mit einigen weiterführenden Gedanken abschließen:
- KI und Arbeitswelt: Was „schwappt“ aus der Arbeitswelt sinnvollerweise in die Schule hinein? Und wo kann man bewusst „entspannt“ sein und sich um Themen kümmern, die nur die Schule bearbeiten kann?
- KI und Ethik: Angesichts unbekannter wirtschaftlicher, moralischer sowie klimatischer Auswirkungen (zB sei der exorbitante Stromverbrauch hier stellvertretend (vergleiche auch evangelische und katholische Statements dazu) muss man sich ernsthaft die Frage stellen, in welchem Ausmaß und von welchen Anbietern man KI verwendet.
- KI und Menschenbild: Die aktuellen KI-Entwicklungen lassen jahrtausendealte Fragen nach dem Menschen und seiner „Eigenart“ neu „hochkommen“ – eine Chance, das expressive Wesen des Menschens aufgrund seines Leibseins neu zu entdecken. (So nachzulesen bei Käte Meyer-Drawe S. 184, die hier einen Gedanken von Helmuth Plessner aufgreift.)
- KI ist (zu mindest ein wenig) wie Corona, nur anders. Eine Disruption, die einen – ob man will, oder nicht, zur Auseinandersetzung zwingt. Es empfiehlt sich, hier nicht in ein „Wettrüsten“ einzusteigen, sondern die Gelegenheit zu nützen, den eigenen Fokus als Schule zu stärken.
- Zum Stichwort „Fokus“ ein abschließender Gedanke: KI (und das gilt stellvertretend eigentlich für vieles (alles?), was die Digitalisierung in die Schule gebracht hat) wird ja gerne mit dem (Verkaufs?)-Argument „korreliert“, dass man dadurch Zeit für Wesentliches „einsparen/gewinnen“ könne. Nun habe ich in mehreren Jahrzehnten Digitalisierung diese eher als „Zeitfresser“ denn als „Zeitbringer“ erlebt. Aber man könnte ja am obigen Gedanken (Zeit für Wesentliches gewinnen) ansetzen und nicht von der Technologie her denken/suchen/erproben, sondern vom „Wesentlichen“ aus. Dann würde die Frage lauten: Was ist uns in der Schule wesentlich? Und wie nützen wir Technologie, uns zu entlasten? Damit hätte man auch ein „smartes“, messbares Ziel bei der KI-Anwendung: nämlich nachgewiesen mehr Zeit für Wesentliches!
