Denn das Bild des Menschen, das wir für wahr halten, wird selbst ein Faktor unseres Lebens. Er entscheidet über die Weisen unseres Umgangs mit uns selbst und mit den Mitmenschen, über Lebensstimmung und Wahl der Aufgaben. Karl Jaspers
Dieses Zitat eröffnet ein ungemein lesenswertes Buch (Fuchs, Thomas. (2020). Verteidigung des Menschen. Suhrkamp.) (auch) zum Thema KI und bringt den Fokus unserer 4. Thinktank-Session vom 25. September auf den Punkt: Je nach dem Bild vom Menschen, das wir haben (Mängelwesen; Bio-Computer; leibliches Geschöpf; egoistisches Genmaterial im Wettbewerb ums Überleben etc.), werden wir auch KI so oder anders verstehen bzw. (nicht) einsetzen. Es sind die angenommenen – und selten bewussten bzw. bewusst reflektierten! – Selbstverständlichkeiten (man kann diese auch als „Glaubenssätze“ verstehen), die in vielem unsere Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und unser Handeln bestimmen. In diesem Sinn lautete unser Programm, unsere Bilder vom Menschen explizit zu machen, zu reflektieren, vielleicht auch zu revidieren oder weiterzuentwickeln. Und schließlich ging es darum, davon ausgehend zu überlegen, welche Fragen sich daraus für KI, deren Rahmenbedingungen und Einsatz ergeben sowie zu versuchen, aus all dem Eckpunkte für den KI-Einsatz im Bildungsbereich abzuleiten.
Eine Thinktank-Halbzeitbilanz …
Bei unserer Arbeit unterstützten und begleiteten uns diesmal (ganz im Sinne der zuletzt schon gepflegten, erfolgreichen Vernetzung mit dem universitären Diskurs) Dr. Birte Platow und Dr. Klaus Neundlinger. Nicht zuletzt um diesen beiden die Möglichkeit zu geben, die Thinktank-Mitglieder und deren bisherige Arbeit kennenzulernen, starteten wir mit einer Runde, in der jede:r eingeladen war, das bisherige Highlight der gemeinsamen Entwicklungsarbeit vorzustellen. Genannt wurden: Das generelle (sich) Aufmachen (in) der Diskussion; die Arbeit im Workshop gemeinsam mit Schüler:innen; die Frage, wie man mit KI wirksam beim Lernen unterstützen könne; alternative Prüfungsformate; die grundsätzliche Frage, was KI in der Schule mit uns „macht“; die Inspiration, die man für die eigene Arbeit mitnimmt sowie die Kompetenz, die man aufbaut – und weitergibt; die Einblicke in die Chancen, Grenzen, Gefahren und Möglichkeiten, die sich durchs kontinuierliche Dabeisein und Mitdenken eröffnen; die ganz praktische Vernetzung; immer wieder die Vergewisserung, dass die Auseinandersetzung mit KI unverzichtbar ist: Wir alle – und insbesondere die Kinder – stecken hier mitten drinnen, ob wir wollen oder nicht; und nicht zuletzt die Tatsache, einfach Zeit zur Reflexion und zum Denken zu haben.
… und zwei Stichworte: Zeit und Denken
Zeit und Denken also: zwei Begriffe, die uns im Verlauf des Tages nicht mehr loslassen sollten:
- Zur Zeit: Einerseits die Frage, ob man sich überhaupt Zeit zum Denken und zur Reflexion nimmt. Andererseits die Tatsache, dass nur das, wofür man sich Zeit nimmt, auch wirklich Priorität bekommt und sich im Handeln niederschlagen wird.
- Zum Denken: Warum ist dem so große Bedeutung zuzumessen? Kann man das Nachdenken nicht einfach den Intellektuellen überlassen? Ist die Qualität der Ergebnisse nicht eine Sache des IQ und der akademischen Bildung? Wie ist es um den Zusammenhang zwischen Denken, dessen Verweigerung (nennen wir sie „Dummheit“) und dem Menschenbild bestellt? Das Zitat von Karl Jaspers, das diesen Artikel einleitet, und das auch am Anfang unseres gemeinsamen Weiterdenkens stand, versucht ja, die wesentliche Bedeutung des Menschenbildes als Ausgangspunkt des Umgangs mit uns selbst und mit den Mitmenschen, (der) Lebensstimmung und Wahl der Aufgaben zu verdeutlichen.
Was Kant mit seinem Aufruf, Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, anspricht (und in seiner Kritik der Urteilskraft lang und breit ausführt; ich lehne mich insofern regelmäßig daran an, als ich „Denken“ in vielen Vorträgen als die wichtigste „digitale“ Kompetenz bezeichne), kommt bei Hannah Arendt in einem Audiobeitrag des Deutschlandfunks (am Extremfall aufgezeigt und zum Nachhören in nicht ganz zwei Minuten von Timecode 1:30:26 bis 1:32:12) zum Ausdruck. In einem Interview legt Arendt aus, wie sie den von ihr geprägten Begriff der „Banalität des Bösen“ verstanden wissen will. Mit der „Banalität des Bösen“ versucht Arendt zu bezeichnen, wieso gebildete, kluge Menschen wie Adolf Eichmann zu den Verbrechern gegen die Menschlichkeit werden konnten, zu denen sie wurden. Und welche Rolle die „Dummheit“ im Sinne der Verweigerung zu „denken“ dabei spielen kann. Arendt zitiert dazu die kleine Geschichte eines Bauern in Nazideutschland. Dieser hatte – direkt aus den KZ-artigen Kriegsgefangenenlagern von Sowjet-Soldaten, in denen diese zu Millionen umkamen – einige Halbverhungerte als Arbeiter auf seinen Hof zugewiesen bekommen. Und diese stürzten sich zuallererst einmal auf das Schweinefutter, um wieder einmal etwas in den Magen zu bekommen und weiterzuleben. Der Bauer dazu: „Na dass das Untermenschen wie Vieh sind, das kann man ja sehen – sie fressen den Schweinen das Futter weg!“ Arendt charakterisiert die empörende „Dummheit“ (nämlich nicht zu erkennen, dass es sich hier um Menschen handelt, die am Verhungern sind), die in diesem Vorfall deutlich wird, als den „Unwille(n), sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist.“
Warum das Menschenbild und dessen Entwicklung entscheidende Konsequenzen hat
Und genau hier haben wir ihn: den innigen Zusammenhang zwischen dem eigenen Menschenbild, dem Selbstdenken (als Absage an „Dummheit“) und der Bedeutung der Beziehungsfähigkeit: Sehe ich in Menschen „Vieh“, wird das mein Handeln in anderer Weise beeinflussen, als wenn mein Menschenbild sich aus der Erfahrung und Bedeutung der Beziehungsfähigkeit heraus entwickeln kann und möglicherweise auch normativ davon geprägt ist. Martin Buber formuliert: Der Mensch wird am Du zum ich. (Und die Bibel ist voll mit einschlägigen Textpassagen.) Für Menschenbildung wäre also insbesondere der direkte Kontakt mit anderen Menschen notwendig. Und in diesem Sinne darf sich niemand das Denken und den Aufbau von Urteilskraft versagen …
Eine kleine Geschichte, die mir unlängst widerfuhr, kann vielleicht dabei helfen, unserer anfänglichen „Denk-Kurve“ einen weiteren Akzent zu geben: Eine Freundin, die an der Uni arbeitet, fragte mich, was man sagen könne, wenn Studierende fragten, wozu man noch Sachen lernen müsse, wenn das ohnehin die KI könne (zB Texte zusammenfassen, Literatur recherchieren, etwas auswendig lernen …). Meine Antwort ging in die Richtung, dass wir uns – mal ganz abgesehen von der in Frage zu stellenden Verlässlichkeit von Maschinenergebnissen und der eigenen menschlichen Verantwortung für unser Tun – mit dieser Haltung grundsätzlich den Leistungen von Maschinen als unserem Maß unterwerfen würden. Theologisch weitergedacht könnte man fragen, ob der Mensch damit nicht drauf und dran ist, seine „Gottebenbildlichkeit“ (Gen 1,26) gegen die „Maschinenebenbildlichkeit“ zu tauschen? Und damit wären wir ein weiteres mal mittendrin beim Nachdenken über die Frage, was KI mit dem Menschenbild – zumal im christlichen Kontext! – zu tun hat …
Eigentlich ist es ganz einfach …
Unseren weiteren Denkweg nahmen wir dann entlang der folgenden Wegmarken:
Schritt 1: Wir versuchten, unser Menschenbild und die damit verbundenen Tugenden und Werte für uns sichtbar zu machen. Ungefähr 100 Post-its verschafften uns einen gemeinsamen Eindruck davon, wie sich unser Menschenbild konturiert und profiliert.

Schritt 2: Dem Zusammenhang zwischen KI und Menschenbild versuchten wir mit folgender „Formel“ auf den Grund zu gehen: WENN uns dieses Menschenbild mit jenen Tugenden und Werten wichtig ist, DANN werden wir mit KI so uns so umgehen.
Dieser Denkfigur nachzugehen erwies sich alles andere als leicht; aber im Zusammenhang unserer unterschiedlichen Überlegungen ergab sich dann ein verblüffend einfacher und unserer Ansicht auch praktikabler Ansatz, den die folgenden Grafik zusammenfasst.

- In der Mitte unserer Prioritäten muss (auch und gerade in Zeiten von KI) der Fokus auf und die Zeit für Beziehungskultur und deren Pflege liegen. Dieser Akzent wird beispielsweise im Vergleich zu einem Satz in der unlängst (am 10.10.2024) erschienen, m.E. wirklich gelungenen Handlungsempfehlung für die Bildungsverwaltung zum Umgang mit künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen der KMK deutlich. Hier heißt es auf S. 3: „Gleichzeitig findet schulische Bildung immer im sozialen Raum und in zwischenmenschlicher Interaktion statt. Deswegen soll der Einsatz von KI-Anwendungen nicht zur Abschwächung des gemeinsamen Lernens (Hervorhebung von mir) führen.“ Wir sagen: Konzentriert euch gerade in Zeiten von KI auf die Beziehungskultur und fragt euch, mit welchem Zeiteinsatz und mit welchen Methoden ihr dieses Menschwerden am du realisiert. Wir vermuten auch, dass dieser Fokus und diese Priorität auch gewissermaßen zur „Immunisierung“ vor den unerwünschten Begleiterscheinungen von KI stark beitragen könnte. Vielleicht kann man hier auch in der Tradition von Augustinus, der Jahrhunderten formulierte, denken: „Liebe, und tue, was du willst.“
- Dann – und dem – folgt der kritische und bildungsgerechte Umgang mit KI von und bei allen. No excuses. Das muss einfach sein.
- Last, but not least (und für christliche Schulen gewissermaßen oben) steht die Aufgabe der Thematisierung der religiösen bzw. transzendenten Dimension. Die im Text weiter oben erzählte, kleine Geschichte aus dem Uni-Bereich (Maschinen- oder Gottebenbildlichkeit?) kann illustrieren, zu welchen Fragen und Überlegungen einen das führen kann, nimmt man die eigenen christlichen Wurzeln ernst …
Diese Leitlinie ist keine Handlungsvorschrift fürs letzte Detail – und so ein Ergebnis wäre eigentlich auch ein „schwieriges“, weil viel zu starres. Aber die Leitlinie setzt klare Prioritäten, die man beispielsweise im Bezug auf den alles entscheidenden Faktor Zeit auch evaluieren bzw. steuern kann: Wieviel Zeit nehmen wir uns ganz konkret für die Gestaltung der Beziehungskultur und deren laufender Pflege? Und wieviel Zeit bekommt der Umgang mit KI und dessen Erforschung und Erprobung. Das Ergebnis muss in beiden Fällen ungleich null und „operationalisierbar“ sein; und das Beziehungsthema muss klar überwiegen. Die Bedeutung der christlichen Identität wird sich am Vorhandensein der Thematisierung dieser Themen im Sinne einer „Theologie der christlichen Schule in Zeiten von KI“ ablesen lassen – oder eben nicht …
Abschließend und weiterführend
Vier weitere Beiträge bzw. Denkanstöße aus dieser Thinktank-Session sollen diesen Beitrag beschließen.
- Warum noch Fremdsprachen lernen? Weil sich darin für uns Welten erschließen. (Wer schon mal verliebt war und sich deshalb in eine neue Sprache gestürzt hat, weiß, wovon die Rede ist.) KI als Übersetzungshilfe ist definitiv hilfreich, ersetzt aber nicht das eigene „leibliche“ Eintauchen in die Möglichkeiten, die sich einem durch den Spracherwerb erschließen.
- Je jünger der Mensch (bzw. das Kind), desto weniger Simulation und desto mehr Gruppe/Dorf.
- Neurowissenschaft ist keine Erkenntnistheorie. (Klaus Neundlinger)
- Wie wäre es, in der Produktion von Lernsoftware (und deren Methoden, Lernen sichtbar zu machen), nicht defizitorientiert (nach dem Motto: Eigentlich solltest du das und jenes können – kannst du aber nicht – also arbeite an deiner Minderwertigkeit!), sondern der christlichen Überzeugung des unbedingten Erlöstseins folgend „positiv“ vorzugehen? (Birte Platow)

Post scriptum
Lust zum Selberdenken bekommen? Die Struktur dieser unserer 4. Thinktank-Session kann man recht geradlinig für einen Workshop oder Pädagogischen Tag an der eigenen Schule bzw. in der eigenen Institution übernehmen. Inhaltlich dabei helfen können auch weitere Zitate aus dem eingangs genannten Buch von Thomas Fuchs, die hier heruntergeladen werden können … Wir wünschen erhellende Lektüre!
